Home sweet Home(-schooling)

von Nadine Schober

Kultur und Leben

Jede:r mit schulpflichtigen Kindern zu Hause hat in der Corona-Pandemie ganz eigene Erfahrungen mit Homeschooling sammeln können. Mich betraf das zum Glück nur für ein einzelnes Exemplar in einer ersten, nahezu harmlosen pubertären Phase an einer weiterführenden Schule. Für Eltern mit Grundschulkindern könnte die Situation wesentlich herausfordernder gewesen sein. Ich hingegen konnte da schon auf ein gewisses Maß an Selbstständigkeit, Zuverlässigkeit und vor allem technischem Verständnis bauen – alles drei wirklich nicht zu verachten.

Nun sind die Zeiten des Homeschooling und Wechselunterrichts (hoffentlich) nahezu überwunden und ich darf ein erstes Fazit ziehen aus dieser besonderen Zeit. Neben allen Widrigkeiten, die der Schulunterricht zu Hause mit sich brachte, wie technischen Problemen und Freund:innen vermissen, gab es auch so einige Lichtblicke. Meine Tochter würde sagen, es war viel gemütlicher zu Hause, die Fahrradfahrten zur Schule und zurück vor allem in den eher nassen und kalten Jahresabschnitten fielen größtenteils weg (ich denke da mit Schrecken an den Wintereinbruch im Februar mit Schneebergen, Glatteis und anschließender Tauphase) und das Beste: Man konnte den ganzen Tag in Wohlfühlklamotten herumlaufen. Wenn keine Videokonferenzen anstanden, war sogar eine beinahe freie Zeiteinteilung von Lern-, Fitness- und Gammelphasen möglich (inklusive Ausschlafen versteht sich). Da meine Tochter ganz eindeutig zu den Nachteulen und Langschläfern zählt, hatte das sicherlich Vorteile allein schon für ihre tageszeitbedingte Aufnahmefähigkeit. Auch das Beieinandersitzen im Homeschooling und Homeoffice während der Lern- und Arbeitsphasen brachte eine behagliche und vertraute Atmosphäre, natürlich auch für die Mutter, mit sich.

Nachdem für die Mittagspausen sämtliche Phasen von Resteverwertung des Sonntagsbratens über Fertigproduktpalette durchprobieren, Schnellkochkünste ausbauen bis hin zum unvermeidlichen aber „megacoolen“ Pizza- oder Asiafood-Bestellen überwunden waren, brachte sich meine Tochter als ‚Chef de Cuisine' ins Spiel.

In meinen Augen am Bedeutungsvollsten in der Pandemiephase war die entfachte Leidenschaft meiner Tochter für Kochen und Backen. Da wurde im Internet nach Rezepten gestöbert, Youtube-Videos zu Rate gezogen oder auch aus vorhandenen Zutaten eigene Rezepte kreiert, meist aufwändig dekoriert mit Schnappschuss und Post (zunächst nur im erweiterten Familienkreis). Auch unser Kräutergarten musste für das ein oder andere ausgefeilte Geschmackserlebnis herhalten. Das verschaffte der Familie zunächst eine ungeahnte Flut an Kuchen, Desserts und Cocktails (alkoholfrei versteht sich), aber mit der Zeit auch an hausgemachtem Mittagstisch. Letzteres vor allem zur Freude der Mutter, die nun einfach im Homeoffice weiterarbeiten konnte und nur bei Kleinigkeiten und kurzen Nachfragen ihren ‚Senf' dazu geben durfte.

Bleibt zu hoffen, dass diese Leidenschaft auch post-pandemisch anhält, wenn Präsenzunterricht, Musikschule und Hobbyverpflichtungen den Alltag wieder diktieren. Ein Ende der Pandemieeinschränkungen ist in Sicht. Jetzt müssen wir langsam wieder lernen loszulassen von Hausunterricht, Heimarbeit und hausgemachtem Mittagstisch – ganz sicher mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Nadine Schober

Nadine Schober nahm über das Haldern-Pop-Festival 2006 Fühlung mit der Region auf. Zwei Jahre später startete sie nach ihrem Studium in Hamburg ihr Volontariat im Bocholter Textilmuseum. Nach gut einem Jahrzehnt hat sie dieses Fleckchen Erde zu schätzen gelernt. Vor allem Grenzregionen wecken das Interesse der Ethnologin. Die gebürtige Mecklenburgerin wagt dabei stets einen Blick über den Tellerrand. Ob Kulinarisches, sprachliche Eigenheiten oder Ökolandbau – ihre Interessen sind breit gefächert. Poetry Slam, Street Art und Flohmärkte lassen ihr Herz höherschlagen. Im kult Westmünsterland arbeitet sie im Archivteam des historischen Archivs und im Kreisarchiv Borken.

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