Ein Endgegner als Smalltalk-Killer

von Flemming N. Feß

Kultur und Leben    Museum und Forschen

„Und, was machst du so?“ Zwar sind in den vergangenen eineinhalb Jahren die Gelegenheiten, diese Frage gestellt zu bekommen, pandemiebedingt rar geworden, aber wir kennen das doch alle: Man ist auf irgendeiner Feier, einer Veranstaltung oder an einem anderen Ort, wo man mit Unbekannten ins Gespräch kommt, und weil Smalltalk über das Wetter eben langweilig und über den Anlass der Anwesenheit und das Buffet (falls es eins gibt) schnell abgefrühstückt ist, kommt bald unweigerlich genau diese Frage in einer beliebigen ähnlichen Formulierung – sofern man sie nicht sogar selber fragt. Über die Arbeit zu sprechen geht schließlich immer. Es sei denn, man ist international operierender Geheimagent oder Spion undercover, oder man wertet illegal abgefischte streng geheime persönliche Daten aus, um damit irgendwie Profit zu machen oder, oder, oder. Aber für uns Normalsterbliche jedenfalls gilt: unverfängliches Smalltalk-Thema, im schlimmsten Fall langweilig, im besten Fall hat man sich am Ende gut unterhalten und dabei noch neue Einsichten in irgendein spannendes Berufsfeld bekommen.

„Ich bin Kurator“, antworte ich dann meist. Und dann spielt sich oft folgendes Szenario ab:

Ein verständnisloses Schweigen. Ich kann sehen, wie es hinter der Stirn arbeitet: Kurator …ist das nicht ein Endgegner in World of Warcraft? (Ja, den gibt's.) Aber das kann dieser Typ da vor mir ja wohl kaum sein, der sieht nicht nach Endgegner aus.

„… im Museum“, helfe ich deswegen nach. Schließlich ist die Tätigkeitsbeschreibung ja schon ziemlich speziell. Manchmal fällt der Groschen, aber oft guckt mich das Gegenüber immer noch an wie ein Auto mit Marderschaden. „Äh, und was macht man da so?“
Je nach mitschwingendem Interesse kann man hier natürlich mehr oder weniger ausholen: Wissenschaftliche Beschäftigung mit historischen Artefakten, Konzeption von Ausstellungen … Häufig weiterhin Auto. Je nach Kontext dieses Gesprächs auch nicht überraschend: Geschätzt 80% der Bevölkerung meiden Museen aus Prinzip. Schon der berühmte Soziologe Theodor W. Adorno hat schließlich gesagt „Museum und Mausoleum verbindet nicht nur die phonetische Assoziation.“

Wenn also die Scheinwerfer weiterhin nicht aufflackern, wird das Ende der Jobvorstellung entsprechend lahm: „Naja, viel Geschichte.“

Jetzt hupt das Auto: „Also Geschichte fand ich in der Schule ja immer voll langweilig.“

Das ist schade! Aber natürlich liegt nicht jeder und jedem alles. Ich hatte das Gleiche mit Physik. Da konnte ich aus dem Schulunterricht abgesehen von Dingen, mit denen man bei Trivial Pursuit punkten kann (Zweiter Satz der Thermodynamik: Alle geordneten Systeme streben der Unordnung entgegen), wenig mitnehmen. Skurril für ein Fach, dass die Funktion unserer gesamten Umgebung, ja des Universums selbst zum Thema hat! Und so musste ich mir umso mehr ‚außerschulisch' selbst aneignen – Stichwort ‚Lebenslanges Lernen'. Diese Erkenntnis gewinnt aber offensichtlich nicht jeder irgendwann im Leben. Und offenbar besonders für Geschichte scheint es weithin Konsens: Das ist tot und hat nichts mit mir zu tun.

Ich persönlich glaube, das ist ein Fehler des Bildungssystems. Dabei meine ich nicht den Fokus auf die Vermittlung von ‚Kompetenzen' fürs Leben statt auf Allgemeinwissen zur Förderung der sozialen oder ökologischen Selbstreflexion. Über die Stärken und Schwächen der Bildungspolitik sollen sich andere an anderer Stelle den Kopf zerbrechen. Vielmehr denke ich, dass es bei vielen Themen ein Anbindungsproblem an die Lebenswelt der Lernenden gibt – angefangen beim Nutzen von Textanalysen bis hin zum Zellaufbau der Pflanzenzelle. Kann alles interessant und hilfreich sein, solange es nicht als separiertes Inselwissen vermittelt wird.

Nebenbei bemerkt vermute ich, dass viele Berufsgruppen dieses Smalltalk-Problem haben, ob nun Jurist:innen („Ist das nicht total trocken?“), Banker:innen („Das ist viel mit Zahlen oder? Mathe war ja nie mein Ding“) oder Lehrkräfte („Also ich war ja froh, als ich aus der Schule raus war“). Aber kommen wir nochmal zurück zur Geschichte: Aus ihr erklärt sich, warum wir so zusammenleben, wie wir leben, warum wir diese Regeln in der Gesellschaft haben und nicht andere, warum andere Kulturen Dinge anders sehen und wo vielleicht auch versteckte Gemeinsamkeiten liegen … Sie gibt uns Erklärungen für das, was uns den ganzen Tag umgibt, also wie kann das langweilig sein? Weil diese Verbindungen eben nicht gesehen wird und auch nie aufgezeigt wurde. Ein oft bemühtes Zitat von Mahatma Ghandi lautet „Die Geschichte lehrt uns, dass der Mensch aus der Geschichte nichts lernt“. Aber wie soll er auch, wenn er das Gefühl hat, sie sei langweilig und habe nichts mit ihm zu tun? Wie können wir das aber ändern? Hier sind die Geschichtslehrer:innen gefragt, die Guido Knopps und Co dieser Welt – und eben auch die Kurator:innen kulturhistorischer Museen. So schließt sich der Kreis und so stehe ich hier, ich armer Tor …

Aber das alles zu antworten wäre ein echter Smalltalk-Killer. Wenn ich also zu meinem Gegenüber durchdringen kann, ohne aus dem Smalltalk einen ermüdenden bildungsphilosophischen Vortrag zu machen – super. Aber ich bin eben kein Geschichtslehrer, die Zuhörenden meiner Vermittlungsarbeit haben ihr Schicksal durch den Kauf einer Eintrittskarte selbst besiegelt.. Und wenn der oder die Gesprächspartner:in also guckt wie ein kaputtes Auto, kann ich es nur halten wie Dr. „Pille“ McCoy vom Raumschiff Enterprise und abgewandelt sagen: „Ich bin Kurator, kein Mechaniker." Dann wechsle ich lieber das Thema und lasse sie eben glauben, ich hätte irgendwas mit einem WoW-Endboss zu tun.

Flemming N. Feß

Flemming N. Feß ist auf seinem Lebensweg schon weit in Deutschland herumgekommen. Im kult Westmünsterland ist er als Kurator für Sonderausstellungen zuständig. Den gebürtigen Schleswig-Holsteiner begeistert alles, was eine spannende Geschichte erzählt. Seine Freizeit verbringt er bevorzugt im Kino – oder mit einem guten Buch. Wenn er sich aber nicht gerade in ferne Welten entführen lässt, erkundet der Medienwissenschaftler und Historiker gerne in guter Gesellschaft unterschiedlichste Craftbeer-Stile. Als Liebhaber von Puppentrick ist er zudem die Hand und Stimme hinter der Sockenpuppe Rock McSock, die seit 2020 das Westmünsterland unsicher macht.

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