Verortung im Fluss der Zeit

von Flemming N. Feß

Museum und Forschen

Mich faszinieren Uhren ungemein. Erst kürzlich habe ich in Edward Brooke-Hitchings Der Atlas des Himmels gelernt, warum Ziffernblätter so aufgebaut sind, wie sie aufgebaut sind: Sie bilden den Himmel ab! Wenn man eine Uhr senkrecht vor sich hielte und nach Süden blickt, würden die Zeiger den Lauf der Sonne während der vergehenden Stunden beschreiben (natürlich nur tagsüber). Die Sonne geht dann links bei ca. 9 Uhr auf, wandert bis sie um 12 Uhr über einem steht (der Zeiger zeigt nach oben) und geht dann Richtung 3 Uhr weiter, bevor sie wieder hinter dem Horizont verschwindet. Ich habe zwar meine Zweifel, dass irgendjemand Lust hat, den ganzen Tag mit einer Uhr vor sich Richtung Süden zu gucken, aber die Idee so eine Himmels-Miniatur am Handgelenk zu tragen, finde ich schon ziemlich cool. Aber nicht allein das finde ich so faszinierend. Mal ganz abgesehen von meiner Bewunderung für Uhrmacher:innen, die es schaffen, dass diese winzigen Stifte und Zahnrädchen an der richtigen Stelle das Richtige tun – ich habe schon Probleme, einen Faden durch ein Nadelöhr zu fummeln – finde ich Zeitmessung an sich höchst spannend, und natürlich Wahrnehmung von Zeit. Objektiv und subjektiv vergangene Zeit ist ja nicht unbedingt gleich verlaufend, ich sage nur „Mache ich sofort“ (das kann ja auch mal ein paar Monate dauern). Und wenn wir jetzt noch wissen, dass Albert Einstein errechnet hat, dass Zeit in Wahrheit tatsächlich relativ von der eigenen Bewegungsgeschwindigkeit abhängt und nicht überall gleich schnell verläuft, sprengt es mein Fassungsvermögen.

Schnell wieder in Gefilde, in denen ich nicht total schwimme. Wir nehmen Zeit als fortlaufend wahr. Was vergangen ist, ist vergangen, denn leider haben wir weder Doc Browns Fluxkompensator in einem fliegenden Delorian noch Dr. Whos als blaue Polizei-Notrufzelle getarnte TARDIS, um uns aus dem Fluss der Zeit zu befreien. Der Blick auf die eigene Verortung im Lauf der Geschichte war aber nicht zu jeder Zeit gleich und hat durchaus auch etwas mit Machtstrukturen zu tun, wie der berühmte australische Historiker und Preußen-Experte Christopher Clark anhand verschiedener Epochen preußischer Geschichte erforscht und in Von Zeit und Macht spannend präsentiert hat. So kann es je nach Epoche und Intention durchaus sein, dass die eigene Position eben durch eine Traditionslinie legitimiert wird oder gerade im Gegenteil durch einen Bruch mit überkommener Tradition. Geschichte wird bewusst als Waffe eingesetzt, bestimmte Geschichtsbilder konstruiert oder zumindest forciert, um sich selbst in einen Kontext mit wahlweise dem Göttlichen Plan oder großen Namen der Vergangenheit zu bringen.

Und tatsächlich sind es genau diese Legitimationsbestrebungen, die ursprünglich zur Entstehung von Museen geführt haben. Denn diese begannen im 16. und 17. Jahrhundert an den Höfen des Hochadels als Sammelsurien und Wunderkammern, mit denen die Adligen ihre Vormachtstellung mit einer sichtbaren Präsentation von Wissen festigen wollten: Sie hatten sich die ganze Welt und deren Vergangenheit „nach Hause“ geholt. Wer so viel Wissen und Kenntnis hat, muss ja ein toller Herrscher sein. Und auch als nach der Französischen Revolution rund zwei Jahrhunderte später die ersten dieser Sammlungen öffentlich wurden (das Louvre ist ein ehemaliger Königspalast), hat die Präsentation von Kunst und Kulturgeschichte durchaus einen staatstragenden Charakter. Nicht zufällig lässt Napoleon auf seinen Feldzügen überall Schätze konfiszieren, um die Sammlung noch zu vergrößern. Dabei war er übrigens weder der Erste noch der Letzte. Die Großartigkeit der Nation soll durch ihre Verankerung in der Tradition anderer Hochkulturen herausgestellt werden.

Das ist ja alles ganz interessant, mag sich der eine oder die andere jetzt sagen, aber wieso schwallert der Feß hier so einen historischen Abriss daher? Weil es mich nachdenklich macht. Museen sind also letztendlich, rein aus ihrer Entstehungsgeschichte heraus, auch Instrumente zur Schaffung einer Deutungshoheit. Natürlich haben sie inzwischen ein völlig anderes Selbstverständnis, aber so ganz von diesem Erbe freimachen können sie sich eben doch nicht. Denn schon durch die Entscheidung, was sammlungswürdig ist und was nicht, durch die Wahl der Themen für Ausstellungen, durch die Art der Präsentation, formen sie ein Geschichtsbild mit. Das ist nichts Schlechtes, jede Gesellschaft braucht ein oder mehrere Geschichtsbilder für ihre kollektive und kulturelle Identität, aber wir sollten uns dessen trotzdem bewusst sein. Das ist letztlich, glaube ich, auch ein Teil der Verantwortung, den man als Museumsmitarbeiter:in trägt. Denn Museen sind zentrale Orte für die Schaffung und Bewahrung der kulturellen Identität einer Region, wer sie gestaltet, hat damit auch einen gewissen Einfluss auf diese Identität selbst. So eine schwere Bürde. Und das nur, weil man auf die Armbanduhr geblickt und dabei die Gedanken hat schweifen lassen.

Flemming N. Feß

Flemming N. Feß ist auf seinem Lebensweg schon weit in Deutschland herumgekommen. Im kult Westmünsterland ist er als Kurator für Sonderausstellungen zuständig. Den gebürtigen Schleswig-Holsteiner begeistert alles, was eine spannende Geschichte erzählt. Seine Freizeit verbringt er bevorzugt im Kino – oder mit einem guten Buch. Wenn er sich aber nicht gerade in ferne Welten entführen lässt, erkundet der Medienwissenschaftler und Historiker gerne in guter Gesellschaft unterschiedlichste Craftbeer-Stile. Als Liebhaber von Puppentrick ist er zudem die Hand und Stimme hinter der Sockenpuppe Rock McSock, die seit 2020 das Westmünsterland unsicher macht.

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